Zur Erbauung der geneigten Leserschaft zusammengetragen
Lesen Sie von Feuersbrunst und Hochzeitslust,
von historischen Begeben- und Besonderheiten!
Die Tetzel-Geschichte und die Ausführungen über die
evangelische Kirche wurden aus dem Kirchenfaltblatt
für Sie entnommen.
Die weiteren drei Histörchen sind Auszüge aus den Texten von
Herrn Franz Heine aus der Festschrift
1000 Jahre Flechtingen 961 - 1961".
Die Tetzel-Geschichte
An einem heiteren Herbsttage des Jahres 1517
hielt ein Wagen auf dem freien Platz vor der Kirche,
um den sich bald eine bunte Menschenmenge sammelte.
Zuletzt kam auch der edle und gestrenge Schlossherr, Barward von Schenck,
den breitrandigen Filzhut keck auf das Ohr gestülpt.
Dem Dorfe und der Burg war nämlich ein großes,
unverhofftes Heil widerfahren.
Der Dominikanermönch, der sich aus der Tiefe des Wagens zwischen
Kisten und Kasten hervorarbeitete, war der bekannte Prediger
Johan Dietz von Leipzig, genannt Tetzel. Die Flechtinger hörten seinen
Worten aufmerksam zu und kauften sich von aller Schuld frei.
Zuletzt trat auch Barward zu dem Mönche.
Ehrwürdiger Vater," sprach er, Ablaß erbitte auch
ich für eine Sünde, die noch nicht begangen ist."
Mißtrauisch blickte der Mönch den Ritter an. Da aber warf Barward
eine volle Geldkatze auf den Tisch, und der Mönch zögerte
nicht länger.
Er füllte den sündentilgenden Ablaßzettel aus.
Aber was geschah am nächsten Tag?
Wohlgemut zog Tetzel durch den Walbecker Forst, als er plötzlich
von Reitern umringt wurde. Unter ihnen war Barward von Schenck und
forderte den Kasten mit dem Geld. Da halfen alle Drohungen nichts, denn
Barward hatte bereits seinen Ablaßbrief in der Hand.
Von dem erbeuteten Geld aber ließ der Edelmann, da das Dorf bis dahin
keine eigene Kirche gehabt hatte, jenes Gotteshaus erbauen,
das heute noch steht.
Zur Tetzel-Geschichte:
Einige Ortschronisten kennen Tetzel-Geschichten aus ihren
Dörfern und Städten.
Die Flechtinger aber sind so sicher, daß die Erzählung
auf Tatsachen beruht und sich die Ereignisse in Flechtingen
zugetragen haben, weil in der Flechtinger Kirche noch heute
der Tetzel-Kasten steht, den Barward damals erbeutete.
Da die Geschichte in der obiger Fassung schon sehr alt ist, wundert
es nicht, daß das Gotteshaus, von dem die Rede ist,
inzwischen durch ein neues ersetzt wurde. An der Stelle der vom
Tetzel-Geld erbauten Kirche wurde 1727 das jetzige Gebäude errichtet.
Bauherr war Jacob Carl von Schenck, der das Unterfangen aus eigenen
Mitteln bestritt.
Die Kirche ohne Namen
Die meisten Kirchen sind Heiligen geweiht.
In unserer Gegend kennen wir die St. Annen-Kirche in Süplingen,
die St. Marien-Kirche in Haldensleben, die St. Andreas-Kirche in Hundisburg,
die St. Lamberti-Kirche in Weferlingen und viele mehr.
Die Flechtinger Kirche jedoch hatte nie einen Namen.
Sie wurde als evangelische Kirche gebaut und war schon immer eine
Patronatskirche, d. h. die Familie von Schenck war der Patron für
diese Kirche und damit verantwortlich für die Erhaltung des
Gebäudes und für die Anstellung des Pfarrers.
Sie hatten aber auch das Recht, diese Kirche als Begräbnisstätte
zu nutzen. Darum befinden sich unter Altar und Turm zwei Grüfte und
im Kirchenraum etliche Grabsteine und Epitaphe.
Flammende Rache
Aus der Chronik des Klosters Marienthal bei
Helmstedt erfahren wir, daß ein böses Weib aus Rache für
eine empfangene Strafe in einer Sturmnacht des Jahres 1483 eine Feuersbrunst
entzündete, in der die Burg und unser Dorf ein Raub der Flammen wurden.
So sank die Burg, die in Fehdezeiten den Angriffen der Feinde getrotzt
und den Untertanen Schutz bei Überfällen geboten hatte,
in Schutt und Asche.
Wir erfahren aber, daß die tatkräftigen Söhne
Werner, Jakob und Rudolf Schencke sich im Unglücksjahr 1483 vom
St.-Bonefazius-Kapitel zu Helmstedt 300 rheinische Floren geborgt haben,
und im gleichen Jahre begann der Wiederaufbau der Burg Flechtingen.
Es heißt darüber in der Urkunde:
De Borg Flechting wedder tho buente so da verbrand wass"
Auch nach diesem Wiederaufbau wird die Burg noch nicht in ihrem ganzen
Gebäudekomplex so gewesen sein, wie sie sich heute dem Auge bietet.
Nachkommen der damaligen Wiederaufbauer vollendeten, was nach dem Plan der
ursprünglichen Burganlage zur Abrundung des Gesamtbaues noch
anzugliedern war.
Wallenstein erobert Flechtingen
Der große Religionskrieg, der Deutschland
in seiner kulturellen Entwicklung um viele Jahrzehnte zurückwarf,
begann 1618. In den ersten Jahren bekam unser Dorf wenig von diesem
Kriege zu spüren. Ist es doch verwunderlich, daß unsere
Wassermühle sogar in diesen ersten Kriegsjahren erbaut werden konnte.
An der Ostseite des unteren Geschosses ist noch heute ein Stein mit dem
Wappen der Schencken und der Jahreszahl 1625 zu sehen.
Es ist wohl das älteste Haus unseres Dorfes.
Das Jahr 1625 brachte dann aber auch für unser Dorf die
Nöte des Krieges. Damals war unsere heutige Kreisstadt Haldensleben von den
kaiserlichen Truppen besetzt (katholisches Heer). Der kaiserliche
Obrist-Wachmeister Leyser hatte sein Quartier dort aufgeschlagen.
In Oebisfelde stand der königl. dänische Obristleutnant,
Nokalas de Corveil (protest. Heer).
Zwischen beiden Heerlagern lag nun unser Dorf. Von beiden Seiten her wurden
nun Kontributionen erpreßt, bis schließlich der
dänische Befehlshaber das Dorf und die Burg Flechtingen besetzte.
Von den Schencken in Flechtingen standen zwei Gebrüder auf
Seiten der Protestanten im Kriegsdienst: Werner Schencke stand in
dänischen, Albrecht in schwedischen Diensten.
Im Sommer 1629 kam das Verhängnis. Von dem kaiserlichen
Feldhauptmann Wallenstein wurde Flechtingen unter dem Vorwande, daß zwei der
Schencken gegen seinen Kaiser gefochten hätten, kassiert.
Der schwärzeste Tag ist wohl der 1. 8. 1631 gewesen, an dem Burg
und Dorf von den kaiserlichen Kriegsvölkern vollständig
ausgeplündert wurden. Von den ehemals 5 Ackerleuten in Flechtingen
war nur noch einer vorhanden, von 18 Kossathen waren 7 vollständig
ruiniert. Auf dem Vorwerk Hilgesdorf war nicht ein Stück Vieh mehr,
und seit 3 Jahren war schon der Acker nicht mehr bestellt worden.
Ebenfalls waren die Vorwerke Damsendorf und Wadenberg verödet.
Die Heiratserlaubnis
Es gehörte damals zu den Grundrechten
der Herren, daß sich jeder Untertan die Erlaubnis zum Heiraten erst
erbitten mußte, die sogenannte Heiratskonsens. Die letzte einer derartigen
Erlaubnis wurde dem Kossaten Meese 1780 erteilt. Das war der
Urgroßvater des heutigen Altsitzers Heinrich Meese. Wie erniedrigend diese
Heiratserlaubnis in die persönlichen Rechte eines jeden
Untertanes eingriff, kennzeichnet nachfolgender Fall:
Die Urgroßmutter des Schuhmachers, des späteren Kantors
und danach Schenckschen Rentmeisters Jahns diente als
Küchenmädchen auf der Burg. Als sie
heiratsfähig war, bat sie den Gutsherrn um die Konsens. Mit den Worten:
"Ne, Triene, dat is kein Mann for jüch. Wenn sik ein andern find',
kommt wedder!" lehnte er ab. Die gleiche Ablehnung mußte
sie noch einmal hinnehmen. Als sie 28 Jahre alt war, fand sich noch einmal
ein dritter Bräutigam von 28 Jahren, den sie dann nach vielem
Bitten und langem Überlegen des Majors heiraten durfte. Es war der
Maurer Matthias Trippler aus Lemsell. Müssen wir bei solchen
Zuständen nicht an Fritz Reuters "Kein Hüsung" denken?
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